Volontärsberichte

Neve Hanna aus Sicht der Volontäre

Unsere Freiwilligen des Jahrgangs 2018/2019 in Jerusalem.
Volontärsbericht von Caroline, 2019

Mein Jahr in Neve Hanna

Vor einem Jahr bin ich gerade frisch nach dem Abitur aufgebrochen nach Israel in ein völlig fremdes Land mit einer ganz anderen Kultur. So richtig klar war ich mir nicht, ob die Entscheidung die richtige sei, für ein Jahr alleine ins Ausland zu gehen. Doch im Nachhinein kann ich wirklich nur sagen, dass ich es nicht bereue und es ein unvergessliches Jahr für mich wurde.

Das Jahr über habe ich mit fünf anderen Freiwilligen aus Deutschland und einer  Schweizerin in einer WG, direkt auf dem Gelände des Kinderheims, gelebt. Im Laufe der Zeit sind wir zu einer echten Gruppe zusammen gewachsen und haben auch außerhalb der Arbeit viel zusammen unternommen. Bei Problemen und Fragen hatte man so immer jemanden, der einen versteht, der die gleiche Sprache spricht und in derselben Position ist wie man selber. Gleichzeitig mit uns waren auch acht israelische Freiwillige da, die im gleichen Alter waren wie wir und mit denen wir zusammen in den Wohngruppen gearbeitet haben. Sie sind im Laufe der Zeit auch für uns zu guten Freunden geworden.

Mit der Sprache war es natürlich am Anfang nicht immer leicht, aber die israelischen Freiwilligen oder die Mitarbeiter von Neve Hanna haben uns mit Englisch häufig weiter geholfen. Angekommen bin ich tatsächlich mit drei Wörtern Hebräisch. Doch im Laufe der Zeit konnte ich mich immer besser verständigen, zur Not mit Händen und Füßen. Zweimal die Woche hat jeder von uns Einzelstunden in Hebräisch bekommen, in denen ich sogar gelernt habe, wie die für mich anfangs kryptisch wirkenden Zeichen zu lesen sind. Wenn wir Probleme oder Fragen hatten, sei es zu Ausflugstipps oder zu unserem neuen Wohnort, konnten wir uns immer an die Mitarbeiter wenden und uns wurde schnell geholfen, so dass man schnell das Gefühl hatte, selber zu Recht zu kommen.

Unser Tag bestand morgens aus Arbeit in einer der vier Arbeitsstationen: in der Küche, im Garten, in der Bäckerei oder im Streichelzoo.  Die meiste Zeit des Jahres habe ich im Streichelzoo gearbeitet. Das ist, finde ich, der schönste Ort in Neve Hanna. Es ist dort wie in einer kleinen grünen Oase. Dort wird er auch die „Pinat Chai“ genannt, was übersetzt so viel bedeutet wie „Ecke des Lebens“.  Es ist kein Streichelzoo wie man ihn aus Deutschland kennt, sondern es gibt dort sehr viele unterschiedliche Tiere von diversen Schlangen und Echsen, über Ziegen und bis zu Papageien und Schildkröten. Täglich habe ich mich um die Tiere gekümmert, sie gefüttert und ausgemistet. Eines meiner längeren Projekte war die Aufzucht eines Zickleins, das ich nach der Geburt alle drei Stunden mit der Flasche zu versorgen hatte. Später lief es dann wie ein Hund hinter mir her. Im Streichelzoo gab es immer irgendeine Arbeit und es wurde nie langweilig. Am Nachmittag kamen oft die Kinder und wollten mit mir in den Streichelzoo gehen. Das war immer schön. Für einen kurzen Zeitraum habe ich die Arbeit im Garten kennengelernt. Dort habe ich nicht nur typische Gartenarbeiten wie Hecke schneiden gemacht, sondern auch gelernt zu streichen. In den letzten zwei Monaten war ich in der Bäckerei. Da habe ich gelernt wie ich schneller als die Mitarbeiter Brezeln und Brotleibe forme. Ausgeliefert habe ich die Ware schließlich auch. Zu einem unserer Abnehmer gehörte die israelische Fluggesellschaft ELAL.

Angekommen in Neve Hanna wurden jeder von uns Freiwilligen einer der 6 Wohngruppen zugeteilt, in der wir das Jahr über unseren Nachmittag mit den Kindern verbracht haben. Einer von uns Freiwilligen arbeitete im jüdisch-beduinischen Tageshort, der sich auch Pfad des Friedens nennt. Jede der Gruppen bewohnt ein Haus auf dem Gelände und die Gruppen sind altermäßig und auch vom Geschlecht her heterogen. In jeder Gruppe gibt es immer eine Hausmutter und einen Hausvater, die sich zusammen mit einem israelischen Freiwilligen um die Gruppe kümmern. Hinzu kommen natürlich noch viele andere Mitarbeiter von Neve Hanna wie Psychologen und Sozialarbeiter. Unsere Arbeit dort war ziemlich frei gestaltbar. Wir Freiwilligen waren quasi die älteren Geschwister der Kinder und haben dort geholfen wo gerade Hilfe gebraucht wurde. Oft habe ich bei den Hausaufgaben in Mathe und Englisch geholfen und viel bei Haushaltstätigkeiten wie dem Vorbereiten des  Abendessens. Aber auch einfach mit den Kindern draußen zu spielen, in die Stadt zugehen oder Gesellschaftsspiele zu machen, gehörte natürlich dazu. An einem Tag in der Woche habe ich immer ein paar Kinder zur Reittherapie begleitet und bin dann auch geritten. Insgesamt war die Stimmung in Neve Hanna in den Gruppen und im Kinderheim immer sehr fröhlich. Es wurde viel getanzt, gesungen und gelacht aber natürlich auch draußen viel getobt. Es gab aber auch wenige Tage im Jahr, in denen die Stimmung auf Grund der Raketenangriffe aus Gaza bedrückt war und wir sogar im Bunker schlafen mussten.

Besonders toll waren die unzähligen Feste, die wir gemeinsam in Neve Hanna gefeiert haben. Jeden Freitagabend wurde der Shabbat gefeiert mit einem Besuch in der Synagoge und einem großen leckerem Essen. Von Channuka, Purim bis hin zur Bat Mitzwa an der Klagemauer wurde jedes Fest in Neve Hanna gefeiert. So aktiv die Religion und die Kultur mitzuerleben, war ein besonderes Erlebnis. Von Freunden wurde ich oft gefragt, ob wir eigentlich das ganze Jahr über feiern.

Zu unserem Jahr in Neve Hanna gehörte nicht nur die Arbeit vor Ort, sondern auch die zahlreichen Seminare Ausflüge, die uns noch einmal einen anderen Einblick in das Land gegeben haben. So haben wir uns mit den Themen Holocaust und Beduinen beschäftigt und eine Holocaust-Überlebende getroffen sowie sind alle zusammen zu einem Ausflug in die Negev Wüste mit Jeeps aufgebrochen.

Neben dem Freiwilligendienst hatten wir natürlich auch mal freie Tag, die wir genutzt haben, um das Land zu entdecken. Das ist bei der Größe von Israel problemlos möglich und man kommt gut mit dem Bus von A nach B.  Vom Schlafen unter freiem Himmel in der Wüste, Wandern in den verschiedensten Landschaften, die Israel zu bieten hat, über das Schlendern über den Shuk in Jerusalem bis hin zum Tauchen im Rotem Meer bei Eilat war vieles Interessantes und Außergewöhnliches dabei. Israel hat wahnsinnig viele unterschiedliche Landschaften und Kulturen zu bieten, so dass wir immer Programmpunkte fürs Wochenende gefunden haben.

Das Jahr in Neve Hanna hat mich definitiv verändert und ich vermisse die Zeit schon jetzt, obwohl ich erst 3 Monate wieder hier bin. Die Kinder und Mitarbeiter in Neve Hanna sind in dem Jahr wie eine Familie für mich geworden, an die ich oft denke auch hier in Deutschland. Die vielen Erlebnisse und Erfahrungen und Begegnungen mit vielen verschiedenen Menschen haben mich geprägt und mir viele neue Sichtweisen vermittelt.

16.11.2019, Caroline Thiele

„Tagebucheintrag“ von Elisa, 2017

Liebes Tagebuch,

erinnerst du dich daran, wie ich dir geschrieben habe, dass es mir so schwer fällt Deutschland zu verlassen? Lange ist´s her – und nun steht mein Abschied aus Israel vor der Tür! Kaum vorstellbar, dass alles, was ich hier erlebt habe, überhaupt in nur ein Jahr passt!

Allein wie genau ich das Land kennengelernt habe durch unzählige Trips, Ausflüge und Seminare. Von Bar Mizwa an der Klagemauer bis zur geschlechtergetrennten beduinischen Hochzeit. Vom spontanen Schwimmen Gehen im Mittelmeer, über Gewürzkäufe in Jerusalem und dem Nachtleben in Tel Aviv bis zum Schlafen unter dem Sternenhimmel in der Wüste. Zu Beginn ist alles noch ein wenig an mir vorbeigezogen, doch allmählich begann ich die israelische Kultur und Mentalität zu verstehen und vor allem durch die Sprache wurde ich schließlich sogar ein Teil dieser Welt. Und das alles war ja eigentlich nur meine Freizeit!

Tatsächlich war ich die meiste Zeit in Neve Hanna und habe mit fünf anderen Freiwilligen aus Deutschland auf engstem Raum zusammengelebt. Zu zweit in einem Zimmer, weißt du noch? Offen sein für Neues und viele tolle Erfahrungen sammeln – deswegen bin ich ja auch hergekommen. Gemeinsam haben wir Neve Hanna in Küche, Garten, Bäckerei und Zoo tatkräftig unterstützt und am Leben gehalten. Im Garten habe ich nicht nur gestrichen, Bäume geschnitten und unter der Sonne geschwitzt, sondern ich habe auch das erste Mal in meinem Leben geschweißt. In der Bäckerei habe ich gelernt, schneller als der Meister Teig zu kneten und Brote zu formen, in der Küche fleißig Gemüse geschnitten und im Streichelzoo, unserer Pinat Chai , der „Ecke des Lebens“, konnte ich nicht nur kanadische Kakerlaken herangezüchtet, sondern habe mich auch eigenverantwortlich unter anderem um Schildkröten, Ziegen, Ponys, Vögel etc. gekümmert. Ausmisten, Füttern, den Kindern die Tiere näherbringen und natürlich auch einfach mal mit den anderen entspannt Kaffee trinken.

Dann endlich nachmittags habe ich Zeit mit den Kindern verbracht. Ob bei Hausaufgaben, gemeinsamem Backen, Basteln, Kochen oder einfach draußen spielen, je nach Bedürfnis der Kinder. Doch auch außerhalb der eigenen Gruppe gab es viele Projekte, in welche ich mich einbringen konnte: Die Theatergruppe, die Reittherapie und auch in die heimeigene Jugendgruppe, die sich sozial engagiert, Ausflüge mitgestalten, mit Kindern Schwimmen gehen und so vieles mehr. Dadurch wurde ich nach und nach Teil dieser großen Familie.

Ich habe nicht nur Neve Hanna verändert, sondern Neve Hanna hat auch mich verändert. Viele einzigartige Erfahrungen und Erlebnisse haben mich geprägt, sodass ich auf ein unvergessliches Jahr zurückblicke. Direkt nach dem Abitur genau das Richtige, um mich selbst und so viele neue Aspekte des Lebens besser kennenzulernen!

So, jetzt muss ich aber auch los, denn gleich beginnt der Shabbat.

Wir sehen uns!

Deine Elisa