ZEDAKAH UND AHAWA - GERECHTIGKEIT UND LIEBE
Zum Tod von Hanni Ullmann am 28. September 2002
Es gibt wenige Menschen, deren Leben bis ins hohe Alter von Idealismus, Kampfgeist, dem Willen nach Gerechtigkeit, nach Verständigung und von sozialer Verantwortung geprägt ist. Hanni Ullmann war so ein Mensch. Jetzt ist sie im Alter von 94 Jahren in Kfar Saba, Israel gestorben.
Für sie standen immer die Kinder im Mittelpunkt. Kinder, die nicht wie sie in der Geborgenheit eines liebevollen Elternhauses aufwachsen konnten. Sondern Kinder, denen es an elterlicher Zuneigung und Aufmerksamkeit fehlt, denen schon früh tiefe Wunden zugefügt wurden. Sie setzten bei Hanni Ullmann eine unerschöpfliche Energie frei, die durch nichts zu erschüttern war.
Ebenso eng wie mit Kindern war ihr Leben verbunden mit allen Facetten der Geschichte Deutschlands und Israels. 1908 in Posen geboren und in Berlin aufgewachsen, war sie begeistert von der Idee eines sozialen und gerechten Staates, geprägt von Toleranz und Verantwortung für den Nächsten. Die Hoffnung, dass Israel ein solcher Staat werden wird, ließ sie 1929 ins damalige Palästina auswandern. In Berlin hatte sie sich im Kinder- und Waisenhaus AHAWA (Hebräisch "Liebe") ausbilden lassen. Kaum hatte sie in ihrer neuen Heimat Fuß gefaßt, kamen 1934 die ersten Kinder aus Berlin dort an. Es sollten noch viele kommen, die das Dritte Reich auf grausame Weise von ihren Familien getrennt und denen es schwere Schäden zugefügt hatte. Ihnen wollte Hanni Ullmann in Palästina ein neues Zuhause geben. Dafür kämpfte sie und traf mit Menschen, wie Ernst Simon, Martin Buber oder Schalom Ben-Chorin zusammen, die wie sie die Vision eines neuen und gerechten Staates Israel hatten, der Heimat sein sollte für alle Juden. Mit ihnen teilte Hanni Ullmann auch ihre Überzeugung für ein konservatives, offenes Judentum. Religion und Glaube haben eine wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt. Sie waren für sie nicht Pflicht oder gar Bürde mit der Gefahr, den Blick zu beschränken, sondern Stütze und Konstante in den Wirren des Alltags.
1974 gründete sie mit dem Erbe von Johanna Kaphan, einer Erzieherin und Lehrerin, die sie noch aus Berlin kannte, im Norden der Negev-Wüste ein neues Kinderheim, "Neve Hanna" (hebräisch "Oase der Hanna"). Aus Deutschland kamen keine Kinder mehr, denen sie ein Zuhause geben konnte. Aber in Israel selber, das in dieser Zeit geprägt war von Konflikten mit seinen Nachbarn, die das Recht der Existenz des Staates Israel bestritten, gab es genug Kinder, die ihre Hilfe brauchten. Auf sandigem und unfruchtbarem Boden in der Einwandererstadt Kiryat Gat wuchs ein grüner Platz für Kinder, deren Herkunft Länder wie Jemen, Äthiopien oder Rußland sind. Sie leben in familienähnlichen Gruppen gemeinsam mit einer Hausmutter und einem Erzieher. Um auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten eines jeden einzelnen Kindes eingehen zu können, werden die Mitarbeiter ständig geschult und mit den neusten pädagogischen und psychologischen Konzepten vertraut gemacht.
Mit "Neve Hanna" wurde für Hanni Ullmann ein Lebenstraum Wirklichkeit. Nicht nur die rund 70 Kinder, sondern auch die vielen Besucher, die dorthin kommen, spüren schnell, mit welchem Engagement alle Mitarbeiter diesen Traum heute mit Leben füllen.
Trotz vieler Hürden und Anstrengungen, die ein Leben mit Kindern und in Israel bedeutet, hat Hanni Ullmann niemals ihren Glauben an Gerechtigkeit und Frieden verloren. So hat sie sich schon früh wieder um Kontakte nach Deutschland bemüht und mit Hilfe von engagierten Menschen in Deutschland den Verein "Neve Hanna"-Kinderhilfe e.V. ins Leben gerufen. Dieser unterstützt mit seinen Mitgliedern und Freunden das Kinderheim und die Ideen von Hanni Ullmann finanziell und personell. Seit seiner Gründung arbeiten in dem Kinderheim in Israel junge Freiwillige aus Deutschland, die der Verein dorthin aussendet.
Ebenso wie den Kontakt nach Deutschland hat sie auch den Kontakt zu den arabischen Nachbarn gesucht. Zwischen dem Kinderheim und einer Schule in Rahat, einer Stadt, in der arabische Beduinen wohnen, gibt es seit mehr als 10 Jahren ein gemeinsames Friedensprojekt. Die jüdischen und arabischen Kinder lernen einander bei gemeinsamen Aktivitäten, Sport und Musik kennen und vertrauen und überwinden dabei spielerisch Hürden, die in der Welt der Politik und der Erwachsenen unüberwindbar scheinen.
Dass mehr als 70 Jahre nach ihrer Ankunft in ihrem Land bis heute kein Frieden herrscht, war bis zuletzt ein tiefer und bitterer Schmerz für sie.
Zu ihrem neunzigsten Geburtstag wurde Hanni Ullmann mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Geehrt fühlte sie sich sicherlich. Aber ihren größten Lohn sah sie darin, mitzuerleben, wie ehemals wehrlose und misshandelte Kinder zu erwachsenen, selbständigen und zufriedenen Menschen heranwuchsen.
Hanni Ullmann wird vielen Menschen fehlen: vor allem den Kindern, die sie geprägt und begleitet hat, und ihren Freunden in Israel, Deutschland, Amerika und der Schweiz. Sie alle aber sind es auch, denen sie ihren starken Willen und den Glauben daran hinterläßt, dass es sich lohnt, für die Ideale von Zedakah und Ahawa einzutreten - tätige Gerechtigkeit und Liebe.
Der Vorstand des Vereins
Hamburg, im September 2002