Theodor-Fontane Preis für Dorit Felsch
Die Studienstiftung des Deutschen Volks vergibt alle zwei Jahre den Theodor-Fontane-Preis, der mit 2500¤ dotiert ist, an Stipendiaten, die sich "besonders in Projekten zur Verständigung über nationale Grenzen hinaus" engagieren, und zwar eher nebenher und "im Verborgenen", weshalb man sich für den Preis nicht bewerben kann, sondern von Referenten der Stiftung vorgeschlagen werden muss. Dorit Felsch, Sudentin der Theologie, ehemalige Freiwillige in Neve Hanna und Vorstandsmitglied im Verein Neve Hanna Kinderhilfe e.V. hat den Theodor-Fontane- Preis 2003 erhalten und für Neve Hanna gspendet. Hier die Rede, die sie bei der Verleihung gehalten hat.
Erwiderung nach der Verleihung des Theodor Fontane-Preises der Studienstiftung am 27.9.2003 in Frankfurt
Sehr geehrter Herr Professor Altner, sehr geehrte Damen und Herren,
Wenn ich heute hier stehe, dann möchte ich das im Andenken an eine Frau tun, die mein Leben geprägt hat, und die für sehr viele Menschen lebenswichtig war. Diesen Preis, mit dem Sie mich ehren, möchte ich entgegennehmen im Andenken an Hanni Ullmann, die morgen vor einem Jahr starb, und ohne die ich heute nicht hier wäre. Ich lernte Hanni Ullmann kennen, als ich nach meinem Abitur in Aachen im Sommer 1999 nach Israel ging, genauer gesagt in die sehr arme Stadt Kiryat Gat am Nordrand der Negevwüste, um dort für ein Jahr als Volontärin im Kinderheim Neve Hanna zu arbeiten. Hanni Ullmann war zu der Zeit, als ich sie kennen lernte, 91 Jahre alt, aber sie war in allen Bereichen des Kinderheims präsent und wusste über alles Bescheid. Sie kannte alle Kinder des Heims und ihre speziellen Geschichten.
Wie schon gesagt, die Begegnung mit Hanni Ullmann hat mich geprägt und es ist ihr Lebenswerk, an dem ich seitdem meinen Beitrag mittue, und deshalb möchte ich kurz den Lebensweg dieser so besonderen Frau beschreiben.
Hanni Ullmann wurde 1908 in Posen geboren, aber schon bald zogen ihre Eltern als überzeugte deutsche Juden nach Berlin, wo sie aufwuchs. Dort begann sie mit 16 Jahren eine Ausbildung am Jugendheim Charlottenburg, die sie auf erzieherische und pflegerische Tätigkeiten vorbereiten sollte. Als sie die Ausbildung abschloss, war sie noch nicht ganz 18 Jahre alt und hatte wegen ihrer Jugend Mühe, eine Stelle zu finden. Schließlich kam sie als Praktikantin an das jüdische Kinderheim „Ahawa“ – zu Deutsch „Liebe“ – in der Berliner Auguststraße. Dort lernte sie ihren späteren Mann, Ernst Ullmann, kennen, mit dem zusammen sie schon 1929 nach Palästina auswanderte.
In der Hafenstadt Haifa arbeitete sie als Haushaltshilfe, bis 1934 einige Mitarbeiter und Kinder des Berliner Heims Ahawa vor den Nazis nach Palästina flohen. Hanni Ullmann half mit, das Heim in Haifa neu aufzubauen und arbeitete dort zuerst als Wirtschaftsleiterin und ab 1956 als Heimleiterin.
In den Jahren des Zweiten Weltkrieges bemühten sich die Mitarbeiter, möglichst viele Kinder aus Europa herauszuretten, im Heim sammelten sich Kinder aus dem Kriegsgebiet, alle traumatisiert von Flucht und Verfolgung und meist vom Tod ihrer Verwandten.
Nach dem Krieg folgten Kinder, die die Vernichtungslager der Nazis überlebt hatten. Um ihnen noch professioneller helfen zu können, ging Hanni Ullmann 1953 für ein Jahr in die Schweiz und studierte dort Heilpädagogik.
Die 50er Jahre waren geprägt von Schwierigkeiten und Konflikten, die Vorschriften, die die Erziehungsbehörde von Haifa der Heimführung machte, entsprachen oft gar nicht Hanni Ullmanns Vorstellungen. Sie konnte das Heim nicht so leiten, wie sie es für richtig gehalten hätte, und so begann sie in dieser Zeit mit ihrem Mann und ihrer Freundin Hanna Kaphan von einem anderen, einem familiäreren Heim zu träumen, das den Kindern noch besser gerecht werden sollte.
1970 ging Hanni Ullmann in Pension, zur selben Zeit starb ihre Freundin Hanna Kaphan. Sie hinterließ Hanni Ullmann überraschend ihr ganzes Geld, insbesondere eine so genannte „Wiedergutmachungszahlung“, die sie aus Deutschland erhalten und nie angerührt hatte, als Grundstock für ein Heim wie sie es sich zusammen erträumt hatten.
Und so begann Hanni Ullmann das Werk ihres „Ruhestandes“ für das sie 1998 übrigens mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Vier Jahre lang suchte sie nach dem geeigneten Ort und entschied sich schließlich für Kiryat Gat, das damals noch nicht viel mehr als Wüste war und einen sozialen Brennpunkt darstellte, in dem viele Einwanderer aus Afrika und Asien auf Überlebende der europäischen Vernichtungslager prallten und durch Zerfall der traditionellen Familienstrukturen oft in Orientierungslosigkeit gerieten. Zudem begann Hanni Ullmann in dieser Zeit um Unterstützung im Ausland zu werben und erreichte die Gründungen von Freundeskreisen in Deutschland und der Schweiz, die Geld für das neue Heim sammelten. 1974 konnte sie Neve Hanna gründen, auf Deutsch heißt das Heim „Oase der Hanna“ zur Erinnerung an ihre Freundin Hanna Kaphan, und es bestand bei seiner Gründung vor knapp 30 Jahren aus ein paar Hütten ohne Wasser- und Stromanschluss.
Es ist dasselbe Heim, in das ich 1999 kam, allerdings handelt es sich heute um ein wunderschönes Gelände mit viel Grün und mehreren schönen Häusern, denen man ihre europäischen Ursprünge noch in den roten Giebeldächern ansieht. 55 Kinder leben heute im Heim, dazu kommen etwa 25, die nachmittags den Tageshort besuchen. Die Kinder sind nur zu einem geringen Teil Waisen, die meisten stammen aus Familien, die nicht in der Lage waren, für ihre Kinder zu sorgen, sie erlebten Missbrauch und Misshandlung, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit der Eltern oder die Prostitution der Mütter. Oft auch dies alles gemischt. In Neve Hanna bemüht man sich, die Kinder aufzufangen und ihnen ein geborgenes Zuhause zu geben. Sie leben unterteilt in Familiengruppen: je bis zu elf Kinder unterschiedlichen Alters mit einem Hausvater, einer Hausmutter und einem ausländischen, meist deutschen Volontär. Um die Erfahrungen, die sie in ihren Familien machen mussten, verarbeiten zu können, werden fast alle Kinder regelmäßig individuell von Therapeuten oder Psychologen betreut.
Gemäß der tiefsten Überzeugung Hanni Ullmanns sollen die Kinder in Neve Hanna zu Frieden und Versöhnung erzogen werden. Dazu trägt das enge Zusammenleben mit ausländischen Freiwilligen, insbesondere mit Deutschen, bei.
Zur Friedenserziehung gehört aber noch ein anderer, ganz wichtiger Teil der Arbeit Neve Hannas. Hanni Ullmann träumte Zeit ihres Lebens von einem jüdischen Israel, das friedlich neben einem arabischen Palästina existiert. Vor 15 Jahren wurde in Neve Hanna ein intensiver Austausch mit der Beduinenstadt Rahat begonnen, die etwa eine halbe Stunde von Kiryat Gat entfernt ist. Die jüdischen und muslimischen Kinder treffen sich alle zwei Wochen abwechselnd in Neve Hanna und in Rahat, spielen, basteln und tanzen zusammen und lernen die Kultur, Sprache und Religion der jeweils anderen kennen. Auch zu den Festen lädt man sich gegenseitig ein. Es entstehen so Freundschaften und eine Vertrautheit, die Vorurteile und Angst vor der Fremdheit überwinden.
Als Volontärin habe ich von Sommer 1999 bis Sommer 2000 in allen Bereichen des Heims mitgearbeitet. Das bedeutet natürlich in der Familiengruppe, der ich angehörte, und ebenso in der Küche, dem Garten und dem kleinen Zoo, der zum Heim gehört. Wichtig und prägend war für mich zudem, dass ich viel mit Hanni Ullmann zusammenarbeiten durfte, die bis zu ihrem Tod unzählige persönliche Kontakte nach Deutschland, in die Schweiz und die USA pflegte, wo sie auch immer wieder „Bettelreisen“ hin unternahm und um Unterstützung für Neve Hanna warb. Ich habe viel Korrespondenz für sie erledigt und bin so in den Genuss zahlreicher intensiver Gespräche gekommen, wobei mich ihre unvergleichbare Menschenkenntnis und ihr untrügliches pädagogisches Gespür immer wieder tief beeindruckten.
Seit ich zurück in Deutschland bin, bin ich weiterhin in Kontakt zu Kindern und Mitarbeitern Neve Hannas und arbeite im deutschen Unterstützerverein „Neve Hanna Kinderhilfe e.V.“ mit. Zweimal konnten wir zudem mit einer kleinen Gruppe ehemaliger Volontäre einigen Jugendlichen aus Neve Hanna eine Reise nach Deutschland ermöglichen. Wir finanzierten die Reisen durch Spendensammeln, organisierten und begleiteten sie. Es war für die Jugendlichen eine wichtige und hilfreiche Erfahrung, ein anderes Land zu erleben und vielleicht auch eine Vorstellung von einem tatsächlich verwirklichten friedlichen Miteinander über Ländergrenzen hinweg zu bekommen. Besonders freut uns, dass wir auf die Zweite dieser Reisen im Sommer 2002 außer sieben jüdischen Kindern aus Neve Hanna auch sieben muslimische Kinder aus Rahat einladen konnten. Die gemeinsamen Erlebnisse und die Zeit in enger Gemeinschaft auf „neutralem“ Boden haben die Beziehungen zwischen den Kindern beider Gruppen sehr gestärkt. Mit einem gemeinsamen Tanzprogramm, bestehend aus traditionellen jüdischen und beduinischen Tänzen, beeindruckten die Kinder in Schulen und Gemeinden, die sie besuchten. Die deutschen Zuschauer bestätigten uns, dass sie eine gemeinsame harmonische Gruppe sahen und Juden und Moslems nicht auseinander halten konnten.
Ein weiterer Teil meiner Arbeit für Neve Hanna besteht in dem Versuch, das Heim und die dort geleistete Arbeit bekannt zu machen. Zu diesem Zweck habe ich in den letzten drei Jahren wiederholt Vortragsabende gehalten und auch in Schulen über meine Erfahrungen berichtet. Es ist mir wichtig, die gelebte Friedensvision Neve Hannas bekannter zu machen und damit auch Einfluss auf das Israelbild zu nehmen, das hier in Deutschland vorherrscht. Noch wichtiger ist mir allerdings das Werben um Unterstützung. Und so kann ich auch heute nicht hier weggehen ohne die Gelegenheit dafür zu nutzen. Neve Hanna hat finanzielle Schwierigkeiten. Nur das Grundlegenste wird vom Staat getragen. Die gesamte individuelle psychologische und therapeutische Betreuung der Kinder, die absolut notwendig ist, und das ganze Friedensprojekt mit Rahat werden ausschließlich durch Spenden aus Deutschland finanziert. Aber die Spendenbereitschaft in Deutschland geht zurück, und ganz besonders wenig Bereitschaft findet sich für Spenden nach Israel. Das ist eine traurige, aber wahre Tatsache. Dabei ist die Unterstützung gerade solcher Hoffnungsträger des Friedens im Nahen Osten, wie es Neve Hanna ist, so wichtig!
Deshalb meine Bitte an Sie alle: gehen Sie heute nicht weg ohne sich Überweisungsträger und Infoblätter mitzunehmen, die ich hinten draußen ausgelegt habe, und unterstützen Sie Neve Hanna nach Ihren Möglichkeiten. Selbstverständlich freue ich mich auch über Fragen und Gespräche.
Ich freue mich sehr über den Preis, mit dem Sie mich heute ehren (-und selbstverständlich über das Preisgeld, das natürlich den Kindern Neve Hannas zukommen wird-) aber besonders freue ich mich, dass ich ihn gerade heute entgegennehmen darf, am Vorabend von Hanni Ullmanns erstem Todestag. Und dass dieser Preis gerade den Namen Theodor Fontanes trägt, den Hanni sehr mochte. Als ich sie das letzte Mal in ihrer Wohnung in Kfar Saba bei Tel Aviv besuchte, schenkte sie mir beim Abschied einen Band ihrer gesammelten Theodor-Fontane-Werke. Sie wolle nicht, so sagte sie, dass diese nach ihrem Tod wegkämen.
Dass ich also gerade diesen Preis heute hier bekomme, ist für mich mehr als ein Zufall, es ist ein wunderbares Zeichen für mich, ein Symbol, dass Hanni Ullmanns Lebenswerk weiter getragen wird, dass Neve Hanna ein Ort bleiben wird, an dem Kindern eine Zukunft gegeben wird, die nicht von Gewalt, Hass und Unrecht im privaten wie im politischen Bereich geprägt ist, sondern von den alten und immer noch aktuellen jüdischen Werten „Ahawa, Zedaka und Shalom“: „Liebe, Gerechtigkeit und Frieden“.
Dafür, dass das so bleibt, werde ich weiter mit Freuden mein Möglichstes tun. Und für dieses schöne und ermutigende Symbol der Bestärkung danke ich Ihnen heute.
Dorit Felsch