Liebe Freundinnen und Freunde Neve Hannas,
fast eine Woche ist vergangen, seit ich mich bei Euch gemeldet habe. Uns geht es grundsätzlich okay, wenngleich wir die Anspannung, die Ungewissheit wie inzwischen auch die Müdigkeit doch sehr spüren.
In Kiryat Gat ist es im Verhältnis zu anderen Regionen des Landes relativ ruhig. Dennoch gelten auch für Neve Hanna die Auflagen des Zivilschutzkommandos: Versammlungen nur bis maximal 50 Personen und das auch nur dann, wenn adäquate Schutzräume in Reichweite sind. Vor allem gibt es derzeit keinen regulären Schulunterricht. Die Kinder sollen über Zoom lernen, was den meisten schwerfällt. Für unsere Kinder ist dies eine besondere Herausforderung, die viel Frustration birgt. Das Team in Neve Hanna versucht ihnen bestmöglich zur Seite zu stehen, doch alleine die Tatsache, dass wir die Kinder gerade rund um die Uhr betreuen müssen, trägt massiv dazu bei, dass alle Mitarbeiter*innen übergebührlich müde und abgespannt sind.
Wie ich Euch schon unterrichtete, musste unsere jährliche Purim-Party ausfallen. Dennoch haben die Kinder sich verkleidet und die Gruppen haben unter sich gefeiert, auch wenn das in keiner Weise an die Feier von ganz Neve Hanna herankam. Unterdessen versuchen wir mit viel Kreativität für Ablenkung zu sorgen. Wir bemühen uns, den Kindern die Möglichkeit zu geben, physisch aktiv zu sein und überflüssige Energien abzubauen. Zeitgleich regen wir sie dazu an, mit uns zusammen Entspannungsübungen zu machen. Die Mitarbeitenden in Israel sind vielfältig geübt in diversen therapeutischen Ansätzen, um in Notlagen Spannungen abzubauen und Traumata vorzubeugen. Auch für unsere Kinder funktioniert das, allerdings wissen wir aus Erfahrung, dass sie es aufgrund ihrer Ausgangslage sehr viel schwerer haben, Ausnahmesituationen zu bewältigen. Wir wissen schon jetzt, dass jede Menge Arbeit auf uns zukommt – vom Nachholen des schulischen Lehrstoffes bis zu zusätzlichen therapeutischen Maßnahmen.
Erlaubt mir zum Schluss noch kurz anzufügen: Esther und Malkah – unsere beiden deutschen Volontärinnen – sind weiterhin bei uns und fest in unsere Routine im Schatten des Krieges eingebunden. Chanka, die Auschwitz-Überlebende, die viele von Euch Ex-Volontär*innen kennen, vermisst ihre Besuche und versucht sich bestmöglich mit der Situation zu arrangieren, dass sie keinen Schutzraum in ihrem Haus hat und der Weg in den öffentlichen Bunker für sie recht beschwerlich ist.
Herzlichst, Eure Antje.


25 Jahre lang war Haim, der im Alter von 50 Jahren vor wenigen Tagen aus dem Leben schied, Hausvater der Wohngruppe Re‘im im Kinderheim Neve Hanna.




